Mit Einführung der CD Anfang der 80er Jahre wandelte sich auch die Hörkultur. Die Häufigkeit, mit der einzelne Songs auf Alben übersprungen wurden, stieg dank ‘Skip’-Funktion stark an. Was vormals noch durch heutzutage unbequem aufwändige, manuelle Koordination der Hände am Tonarm des Plattenspielers vorgenommen werden musste, ging nun bequem sogar per Fernbedienung. Hat dies vielleicht die Toleranz für mittelmäßige Songs auf Alben erhöht? Wurden seitdem in der Folge vielleicht wesentlich mehr solcher “Füller” auf Alben gepresst, in Ausnutzung eben dieser gewachsenen Toleranz und ist dadurch die musikalische Qualität so manchen Albums gesunken?
Ist die Bandbreite der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten nicht stark gesunken?
Rund ein Vierteljahrhundert später tritt mp3 seinen Siegeszug an. Völlig abgesehen vom totalen Umsturz in Hinblick auf Urheberrechtsverwertung, Verkaufszahlen und Geschäftsmodelle brachte auch dieser technische Fortschritt eine erneute Änderung der Hörgewohnheiten mit sich. Es ist für Musikfans alles andere als unüblich geworden, eine CD sofort nach dem Kauf als ganzes Album in das MP3-Format zu bringen und danach direkt in den Schrank zu stellen, wo sie womöglich nie wieder angefasst wird. Das Album besteht nun als eine oder zwei handvoll Dateien auf einer Festplatte mit tausenden Artgenossen.
Diese Dateien sind durch die abspielende Software alle gleichermaßen schnell erreich- und abspielbar. Nicht selten kommt nun die Zufallsfunktion zum Einsatz. Wo 25 Jahre zuvor noch ein CD Player mit der gleichen Funktion ein Album in veränderter Reihenfolge abspielte, wird nun mit der gesamten Musiksammlung nach dem gleichen Prinzip verfahren. Alben werden aus dem Kontext gerissen, auf Grave Digger folgt Chopin, folgt Thin Lizzy, folgt Alicia Keys.
Aus dem Kontext gerissen? Ich denke schon, denn auch wenn es sich nicht um ein Konzeptalbum handelt, so machten sich Musiker zumindest in der Vergangenheit durchaus Gedanken um die Songreihenfolge, die gesamte Dramaturgie und Wirkung ihres Albums. Selbst wenn Bruce Dickinsons “Chemical Wedding” nicht thematisch von Blake-inspirierten Texten getragen würde, würde die im letzten Song wieder aufgegriffene Melodie aus Track #2 einen gespannten Bogen beenden.
In der Folge werden musikalische Werke vermehrt scheinbar zusammenhangslos, bekommen weniger Zeit, eine Wirkung zu entfalten. Eine gewachsene Herausforderung nicht nur an den schöpfenden Musiker, sondern meist unbewusst auch an den Hörer, der möglicherweise musikalischen Spannungen ausgesetzt wird, die keine Auflösung im Kontext eines kontinuierlich gehörten Albums mehr finden. Löst dies beim Hörer womöglich gar unbewusst Stress aus?
Und was ist mit der Forderung an den Musiker? Reicht es in diesem Zusammenhang aus, jeden Song wie eine Singleauskopplung zu behandeln? Ist die Bandbreite der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten nicht stark gesunken durch die nun zugrundeliegende Annahme, dass ein Album als solches möglicherweise nie wieder im Zusammenhang gehört wird und folglich als künstlerisches Werkzeug nicht mehr zur Verfügung steht?
Die Möglichkeiten der Selbstdarstellung und Präsentation sind besonders in den letzten paar Jahren durch das Internet und die damit entwickelten Werkzeuge entschieden mächtiger und vielfältiger geworden. Zwischen dem Knipsen eines Fotos und der weltweiten Veröffentlichung bei Facebook liegen oft nur noch wenige Sekunden.
Das dürfte diesbezüglich der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung sein, die durch das gern genannte “Web 2.0″ stark geprägt wurde. Facebook, MySpace, Twitter sind die aktuellen Zugpferde einer Generation von Künstlern, der erstmals diese scheinbar unendlichen und gewaltigen Möglichkeiten hat, gehört, gelesen und gesehen zu werden. In der Tat scheint die Zahl und Vielfalt der so zu findenden Künstler überwältigend zu sein. Beinahe im Minutentakt werden neue Bands oder Projekte gegründet binnen kürzester Zeit wird ein Demo aufgenommen und in das Internet gestellt. Und dabei bleibt es dann meist auch. Wie ein one-hit-wonder, nur eben ohne Hit. Die Band/das Projekt verliert an Schwung, zerschlägt sich, löst sich auf.
Geduld, Überlegung und Mut, das sind die besten Waffen im Kampfe des Lebens.
In meiner lokalen Szene vor ca 20 Jahre haben wir das ähnlich beobachten können: Eine Band wird gegründet, es wird geprobt, geschrieben und verfeinert. Dann folgt der Gang in’s Studio, ein Album wird aufgenommen. Ein paar Stück werden verkauft, die Band tritt noch zwei, drei mal auf. Und löst sich dann auf. Das gesteckte Ziel war erreicht und der Antrieb lief in’s Leere. Ein nicht unüblicher Fehler, es mangelte an einem neuen Langzeit-Ziel. Doch von Gründung der Band bis zur Auflösung vergingen auf diese Weise meist wenigstens zwei Jahre.
Zur oben genannten erleichterten Verbreitung des künstlerischen Werks hat sich in fast allen Medien ergeben, dass auch die Schwelle zur Produktion massiv gesunken ist. Mit nur geringer Investition können die für die Aufnahme eines wenigstens akzeptablen Albums Notwendigkeiten erworben werden. Das gleiche gilt für die Produktion von Videos oder aufwändigen Illustrationen.
Infolgedessenwird viel mehr und viel schneller produziert und veröffentlicht als je zuvor. Das Resultat sind dabei jedoch leider sehr oft völlig unausgereifte Werke. Hat eine Band sich zuvor noch Jahre zum Songwriting (für ein ganzes Album) Zeit gelassen, passiert so etwas heute in nur wenigen Tagen, bestenfalls Wochen. Denn der Reiz schnell zu veröffentlichen, ist groß.
Das muss nichts schlechtes sein. Häufige Iterationen und frühes Feedback können hilfreich sein. Doch genau dies haben viele Künstler, wohl besonders diejenigen, die mit diesen neuen Möglichkeiten des Internets aufgewachsen sind, selten im Sinn. Und so geraten ihre unreifen Werke an die breite Öffentlichkeit. Zu der anschließend folgenden Antriebslosigkeit (das Ziel, die Aufnahme und Selbstdarstellung, ist erreicht) gesellt sich nun jedoch auch noch das ungefilterte Feedback der gesamten Umwelt. In der Natur der Sache liegt, dass dieses bei unfertigen Werken entsprechend negativ ausfällt. Ein weiterer Stopper für den Künstler.
Was das soziale Netz, “Web 2.0″, so reizvoll macht, scheint somit zugleich eine trügerische Falle zu sein. Ist es nicht in der Regel besser, sich selbst mehr Zeit zu geben, sich zu mehr Reflexion zu zwingen, abzuwarten, zu überdenken? Sicherlich kann man sich seine Kunst auch kaputt denken. Doch einfach mal innezuhalten und durchzuatmen hat in diesem Zusammenhang wohl noch niemandem geschadet.
“Daure aus, mein Bester, und warte die Erfolge Deiner wohlüberdachten Bestrebungen ruhig ab. Geduld, Überlegung und Mut, das sind die besten Waffen im Kampfe des Lebens.” – Nikolai Abramowitsch Putjatin
Der scheinbar einzige Antrieb bei der Entwicklung neuer Produkte besonders im elektronischen Bereich, scheint das laufende Hinzufügen neuer Features zu sein. Es mag beinahe verwundern, dass das iPhone nicht auch als Rasierapparat taugt – wobei Apple als einer der ganze wenigen Hersteller wenigstens bemüht ist, die Funktionsvielfalt auch für möglichst viele Anwender nutzbar zu halten.
Als viel problematischer sehe ich da unsere mittlerweile beinahe durchweg digitalisierten Gestaltungswerkzeuge. Ob Bild, Ton oder Text: Alles wird per Software er- und verarbeitet. Und diese Umstellung hat zweifelsohne zahlreiche Vorteile mit sich gebracht. Abgesehen von den erweiterten Gestaltungsmöglichkeiten gibt es so praktische Dinge wie “Speichern” und “Rückgängig machen” (aka “Undo”). Vertippe ich mich, muss ich nicht das Blatt wegwerfen und vorn vorne beginnen – das ist durchaus effizient. Schon während ich diesen Eintrag schreibe, danke ich innerlich den Entwicklern dieser Systeme mehrfach. Und selbstverständlich ist die Rechtschreibprüfung per Knopfdruck am Ende eine praktische Sache.
Wir berauben uns unserer künstlerischen Aussagekraft.
Aber wie mir scheint, ist der Haken an dieser Entwicklung gewaltig. Die Funktionen werden von Softwaregeneration zu Softwaregeneration vielfältiger, sind mittlerweile unzählbar. Ihr nutzen korreliert dabei oft negativ mit der Anzahl. Adobe, Steinberg, Microsoft und Co aktualisieren im Jahrestakt und das Featurekarussell dreht sich so schnell, dass einem beinahe schwindelig wird. Die Möglichkeiten der digitalen Gestaltung werden also stetig mächtiger und vielfältiger. Ganz abgesehen von der Bedienbarkeit solcher Werkzeuge, sehen sich jedoch selbst erfahrenste Künstler dadurch schnell mit einem neuen Problem konfrontiert: Wahl. Barry Schwartz beschreibt dies in seinem Buch “The Paradox of Choice” und auch in folgendem Video sehr eingehend:
In unserer Software häufen sich Funktionen und Plugins, die uns alle Möglichkeiten der Welt geben. Und direkt daneben steht die geschätzte “Undo”-Funktion, die jeden Fehltritt vergessen lässt. Nicht zu vergessen die Möglichkeiten, Projekte in verschiedensten Stadien und Varianten zu speichern.
Die Arbeit mit solchen Werkzeugen erfordert eine gewaltige Disziplin, möchte der Künstler seine Arbeit auch einmal abschließen. Welcher Effekt soll es denn nun sein? Schlagschatten oder Farbüberlagerung – oder doch gleich beides? Die Entscheidung fällt vielen immer schwerer. Schlimmer noch: Eine endgültige Entscheidung ist nicht mehr nötig, da ich jederzeit zurückgehen und mein Werk überarbeiten kann. Die Festplatten dieser Welt sind randvoll gefüllt mit unvollendeten Projekten, oftmals in den besagten, verschiedenen Stadien, worauf Dateinamen wie “sonnenaufgang.psd”, “sonnenaufgang2.psd” und “sonnenaufgang_neu.psd” schließen lassen.
Wo im Professionellen Bereich noch der Auftraggeber auf ein Ergebnis drängt und dadurch eine Entscheidung erzwingt, ist im Hobbybereich der Künstler scheinbar verloren. Seine Werke werden nie fertig. Wo Ölgemälde noch getrocknet sind und Musikprojekte spätestens durch Neu-Einstellung des Mischpults abgeschlossen werden mussten, wird heute einfach das unfertige Werk gespeichert, vor den zu treffenden Entscheidungen so geflüchtet und etwas Neues angefangen.
Der Künstler betrügt sich um seinen eigenen Fortschritt: Sein Werk wird nicht abgeschlossen, seine Entscheidungen nicht getroffen. Er kann nicht auf seine abgeschlossenen Projekte verweisen, nicht auf die zurückblicken und –viel schlimmer– folglich seine eigene Weiterentwicklung seit dieser Arbeit nicht messen.
Ich denke, durch die vermehrte Entscheidungsunfähigkeit und den Mangel zur Bereitschaft, einen Schlussstrich unter ein Kunstwerk zu setzen, berauben wir uns unserer künstlerischen Aussagekraft.
Und: Ist der einzige Ausweg der Schritt zurück zu analogen Werkzeugen?
[lang_en]Felix has released a new essay: The stage is holy. Feel free to share it with as many people as you like. Spread the word and let me know what you think about it. Download the essay in .pdf format here.[/lang_en]
[lang_de]Felix hat einen neuen Artikel veröffentlicht: The stage is holy. Wenn Ihnen der Text gefällt, dann leiten Sie den Artikel an so viele Freunde und Bekannte weiter, wie Sie möchten. Hier können Sie den Artikel herunterladen.[/lang_de]
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